7.4-45
gert-jan prins
sub 8/9
12", 45 rpm, 500 copies, released 2000
labels designed by frank dommert, image by gert-jan prins

info:

Driving Fast and Hitting Wildschweine:
Gert-Jan Prins auf Sieben

Der holländische Improvisator Gert-Jan Prins spielte zum ersten im April 1998 in Köln mit dem Pianisten Misha Mengelberg und dem Saxofonisten Mats
Gustafsson. Prins erwies sich innerhalb dieser Supergroup of Improv als feinnerviger, umsichtig agierender Spieler. Auf einem reduzierten Percussionst deutete er freie Rhythmen bloß an und auf simpelste Art und Weise triggerte er die akustischen Signale seiner Mitspieler und schleuste sie durch seine umgebauten Radiogeräte.

Die rein elektronsichen Aufnahmen für Sieben, nur ein gutes Jahr später aufgenommen, könnten nicht unterschiedlicher sein. Sie sind direkt, auf den Punkt, lassen wenig Raum, knattern unbarmherzig. Was ist passiert? Eigentlich nicht viel: immer noch ist Gert-Jan Prins in erster Linie Improvisator, der zum Beispiel mit Lee Ranaldo, Fred Van Hove, Peter Van Bergen, Thomas Lehn, Luc Houtkamp und dem Allstar-Ensemble MIMEO (u.a. mit Keith Rowe, Christian Fennesz, Marcus Schmickler etc.) auftritt, also mit ausgewiesenen Spitzenkräften des Genres. Er verzichtet in seinen Performances mittlerweile vollkommen auf das Schlagzeug, konzentriert sich also ganz auf seine Electronics - aber sein Denken, seine Spielhaltung ist vom Perkussiven geprägt (Prins ist in die Schule des FreeJazz Hools Han Bennink gegangen - wenn das keine Referenz ist!). So muss man also auch diese Aufnahme, wenn man so will: seine erste Techno-Maxi, in den kontinuierlichen Strom der Improvisierten Musik aus unterschiedlichen Erfahrungen, unterschiedlichen Gruppen, wechselnden Vorlieben und Einflüssen einordnen, die sich dann -im Moment der Aufnahme oder des Konzertes- zu einem konkreten, einmaligen Ausdruck formen. Im Klartext: diese Platte klingt so wie sie ist - die nächste wird schon wieder ganz anders sein!

Gert-Jan Prins arbeitet mit selbst entwickelten elektronischen Musikinstrumenten. Das hört sich geheimnisvoll an - ist aber überraschend simpel: er benutzt Fernseher und Radiogeräte, deren Frequenzsignale, um es eher unpräzise auszudrücken, er in akustische umwandelt und dann moduliert.

Sein Ausgangspunkt ist eine im Prinzip endlose Kette aus pulsierenden, knackigen, körnigen Geräuschen, die er im Verlauf seiner Improvisationen schichtet, gegeneinander verschiebt, filtert, dehnt und zusammenstaucht. Wie gesagt: im Prinzip alles ganz einfach. Aber vollkommen eigenständig und unabhängig: weder tappen seine Aufnahmen in die Fallen klassischer Improv-Klischees noch kann man Prins so ohne weiteres in die Staalplaat-, Postindustrial-, Freestyle-Electronica-Ecke stellen. Das Faszinierende an seiner Musik ist ihre Dynamik aus (technischer, instrumenteller und klangfarblicher) Beschränkung und die Anstrengung, NUR mit dieser Beschränkung zu operieren und aus ihr heraus lange, straff gespannte Bögen zu entwickeln. Das lässt die Musik so kompromisslos erklingen, macht aber auch ihren Charme aus.

Seine Aufnahme für Sieben, erst seine zweite Soloveröffentlichung (1998 erschien eine konzeptionelle, auf komponierten Parametern basierende CD auf seinem eigenen Label), macht diese Dynamik und ihre Vermittlung mit der Kontinuität der Improvisation auf komprimierte Weise deutlich.

Das schönste Bild für seine Kunst der rohen Kräfte lieferte Prins selber, als er kürzlich auf dem Weg von Köln nach Amsterdam bei überhöhter Geschwindigkeit beinahe mit einem Wildschwein zusammenstieß. Ein großartiges Schauspiel: denn eine tatsächliche Konfrontation von Wildschein und Auto wäre wohl für alle Beteiligten final gewesen. Tier und Fahrer haben sich aber mit größtmöglicher Eleganz aus der Affäre gezogen. Das passt ziemlich gut zu dieser Musik, die zwar schnaufend rumpelt, deren Wendigkeit und Reaktionsschnelligkeit man aber nicht unterschätzen sollte.

Felix Klopotek


press:

de:bug

Gert Jan Prins - Sub 8/7 (Sieben/4)
Der Amsterdammer Gert Jan Prins veröffentlicht auf dem A-Musik Label Sieben hier zwei, drücken wir es mal freundlich aus, experimentelle Stücke. Auf der A-Seite ein uferloses brennend vertracktes Kratzen mit kurzen Sinusbreaks und bis an die Grenze des Hörbaren runtergeschraubten Basswellen, die in ungefähr den Soundtrack abliefern könnten, falls man mal irgendwann eine Hollywoodproduktion unter dem Titel "Modems at War" geniessen darf. Strukturell hält sich das ganze in einer lockeren Funkyness der Linearität eigentlich ganz gut, man lauscht auf gelegentliche Flippersounds, dem Zerhacken der Basis jeder Melodiösität und fliegt wie im Sturzflug auf eine Welt über- und unterdrehender Festplatten in glücklicher Agonie zu. Die etwas zugänglichere knisterige B-Seite verzichtet
weitestgehend auf die Zwischenräume des Akustischen Spektrums und rast oben mit fluffig stolpernden akustischen Crispys, während sie unten in einem Zirkel aus Kurzschlüssen im etwas verkürzten 3/4tel Takt bläst. Extreme Grossraumbüromusik für Freunde vorlauter Netzwerke. Sympathisch, kryptisch, rasant. bleed ****

vital weekly week 6, number 212

GJ PRINS - SUB 8/9 (12" by Sieben)
E-RAX - LIVE AT THE BIMHUIS (CD by X-or)
And so you see particular names everywhere... names like Thomas Lehn (whom we featured before in the last weeks) and Gert-Jan Prins, who is never tired of mailing us his concert info. Prins' background is in (free-) jazz and rock, so playing concerts is for him like breathing. Countless are the duets and group improvisations they are involved in. Here they team up with a Dutch guy, Peter van Bergen, who plays a curiously called instruments Electronic Wind Controller, my imagination goes wild here. Lehn is of course at the analogue synth and former percussionist Prins at electronics and radio. Much of this music consist of three seperate layers: crackles (Prins), synth bleeps (Lehn) and percussive sounds of some kind (I pressume played by Van Bergen). Quite a noisy outing, which might have upset the crowd at the Bim huis, who are not really known to be lovers of free electronic music. This more in the Mego areas of laptopimpov, but then less the laptop. Nevertheless a fascination journey in sound. And when said noisy, it's not as noisy as Prins' solo 12" which is released on A-Musik Sieben imprint, home of the noise workers that inspire noise DJ's. It seems as though Prins takes the piss out of some DJ's, as it appears to be that he uses skipping vinyl to produce side A. Despite the noise there is even a groove to be noted down there, but noise rules here. However, the B-side is much more my thing: highly rhythmic, highly noisy and sounds like train that refuses to take off. A noisy variation to Pan Sonic, Goem or Ikeda. Great side b, mediocre side A. (FdW)

bad alchemy #35 2/2000

Gert-Jan Prins ist an sich eine renommierte Stütze der niederländischen Improvising-Szene, ein Perkussionist aus dem Han Bennink-Stall, der sein Electronic-Drumset, mit dem er mit Leuten wie Mengelberg, Gustafsson, Houtkamp oder van Hove Ad-Hoc-Musik machte, gegen ein nur noch elektronisches Equipment eingetauscht hat, um seinen rhythmischen Ausdruck zu verfeinern. Auf "sub 8/9" (sieben 7.4-45, 12"EP) konstruiert er -mit ganz viel Fingerspitzengefühl, wie man bei seinem konzentrierten Auftritt am 20.11.1999 in der Würzburger "Galerie Nulldrei" mit Spannung verfolgen konnte - reduzierte Geräuschzonen ausschließlich aus Prasseln und Knacksen, Ticken und Pochen, Schleifen und Rauschen (wie von elektrostatischen Störungen oder Kratzern im Vinyl), aber mit einem sorgfältig, quasi emotionslos-nüchternen Puls, wie geboren für Vinyl.

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