Olaf Rupp "Mai" 7.3-45 Pressetext 1999

Der 35jährige Gitarrist Olaf Rupp ist fest mit der Berliner Improvisationsszene verbunden. Er spielt regulär in den Gruppen Beastie Shop Beach und Stol. Beastie Shop Beach spielen eine improvisierte Elektro-Akustik, die bei der Konzeption der Musik sich z.B. an (Kompositions-)Techniken des Filmes und des Hörspiels orientiert; Stol, die gerade ihr neues Album für Kitty-Yo vorbereiten, haben sich mittlerweile zu einer Art Post-Post-Rock weiterentwickelt. Desweiteren ist er Mitglied in den Ensembles von Wolfgang Fuchs und Butch Morris und hat mit führenden Improvisatoren wie Paul Lovens, Rudi Mahall, Harri Sjöström, Sainkho Namchylak, Matt Wand, Dietmar Diesner oder Johannes Bauer zusammengearbeitet.

1998 war für Rupp ein entschiedenes, vielleicht sogar einschneidendes Jahr. Die Konzentration auf das Solospiel, die Auseinandersetzung mit dem Instrument in einem ausschließlichen, ganz für sich stehenden Kontext stand im Vordergrund und war zentraler Movens seiner musikalischen Arbeiten. Solospielen bedeutet ganz konkret: Materialforschung und -erweiterung, Reduktion auf das Wesentliche bei gleichzeitiger Entfaltung des Vokabulars, Rückzug und Vorbereitung auf neue Wagnisse. Fast monatlich spielte Rupp eine Reihe von in sich geschlossenen Improvisationen ein, die durch Dichte, Ausgereiftheit und Stringenz fast schon einen Werkcharakter vermitteln. Dieser wurde aber allein dadurch unterlaufen, daß schon ein paar Wochen später, im jeweils nächsten Monat, eine neue Aufnahme erschien.

Bei seinen Aufnahmen überschritt Rupp das pure Gitarrespielen und präsentierte Arbeiten für Live-Electronics. Aber auch hier ist die Verbindung zur Gitarre evident. Nicht nur, daß er sie mit einer ähnlichen Virtuosität und Inspiration handzuhaben pflegt. Bei den Live-Electronics handelt es sich ausschließlich um die Effektgeräte der GITARRE, den Gitarrenverstärker etc.. Diese werden so miteinander verkabelt, daß das summend-brummende Eigenleben (laut Rupp das Nachwirken des Urknalls) der Devices, deren internes Feedback und die unkontrollierbare Verzerrungen zum massiven klanglichen Output werden, das Rupp in Echtzeit kontrolliert und manipuliert. Die Aufnahmen, die fast ausschließlich in seinem Berlin-Neukölner Elbestudio entstanden, wurden auf Tape gebannt und wie eine Flaschenpost in Umlauf gesetzt. Eine dieser verlorenen Nachrichten erreichte auch die Produzenten des Kölner Labels "Sieben": "Mai".

Aber der Reihe nach...
Im Januar wurde "African Eve“ aufgenommen (das fertig gemastert seiner Veröffentlichung harrt), im Februar "Faro" - beides Arbeiten, die Live-Electronics mit Gitarre kombinieren. Einen Monat später dann: "März", Improvisationen, die ausschließlich auf der Gitarre realisiert wurden. Schließlich die nun vorliegende "Mai"-Produktion. In ihrer Gesamtheit, die Maxi präsentiert nur einen Ausschnitt, ist sie "Zoom" betitelt. Im Sommer stellte Olaf Rupp mit Comrade Götz Rogge Aufnahmen für die erste Beastie Shop Beach - Veröffentlichung zusammen. Anfang November erschienen sie in ulltra-limitierter Auflage auf dem Kölner Label GROB (eine überarbeitete Wiederveröffentlichung wird für September 1999 erwartet). Weitere Arbeiten waren September, seine vielleicht hermetischsten, am konzentriertesten durchgearbeiteten Gitarrensoli, die demnächst ebenfalls auf GROB veröffentlicht werden, und "Feed The Birds" (November). (Ob es auch "Oktober" gab, ist bislang unbekannt.)

1999 ist ein Jahr der Öffnung: Solokonzerte, Aufnahmen mit Stol, Festivalauftritte, das Freenoise-Trio Koro etc... Sein jüngstes Produkt: "Sun", wiederum für Gitarre Solo, aber offener, entspannter, auch selbstreflexiver.

"Mai" ist ausschließlich mit Electronics realisiert worden. Es hebt an mit einem mächtigen Dröhnen - breite, schwarze Soundwalzen rollen auf Dich zu. Aber es ist klar, daß es nicht um Schockeffekte, um extreme Frequenzen geht. Bei genauerem Hinhören (und Improvisation IST die Kunst des genauen Hinhörens) entdeckt man die exakt abgetragenen Soundschichtungen, die Ablagerungen, die eingekapselten, versteinerten Urtierchen. "Mai" ist Klanggeologie. Aber bei diesem Staunen über die Materialität, die pure physische Präsenz des Klanges, bleibt Rupp nicht stehen. Er arbeitet mit dem Material, verknüpft dynamisch und absolut folgerichtig die Segmente. Denn er selbst ist es, der sich die Parameter der Musik vorgibt, um sich an ihnen abzuarbeiten, sich durch sie hindurch zu wühlen. Die Verknüpfung der Parameter Linearität (das Fortschreiten in der Klangverknüpfung) und Texturalität (der mehrschichtige Klang) führt zu dem plötzlichen Eindruck, daß die Musik gleichzeitig überwältigend wie offen, monochrom wie (tatsächlich!) verspielt ist. "Mai" ist ein Beispiel, wie Kontrolle innerhalb der Improvisation zu einem anderen Ausdruck gelangt. Kontrolle bedeutet nun nicht mehr Fanatismus und Sicherheitsdenken (wie kann ich jede Unwägbarkeit aus dem Musikmachen ausklammern? = Komponieren als Neurose), sondern souveränen, reflexiven und höchst geschmeidigen Umgang mit dem (widerspenstigen) Material. Überflüssige Exkurse sollen zum Verstummen gebracht werden, "Mai" will nur an sich selbst gemessen werden. Olaf Rupp nimmt seine Musik ernst.

Vor allem aber ist "Mai" ein Klotz, ein Brocken, ein Auslaufrillenfresser. Frühling in Berlin - weiß Gott nicht die Jahreszeit zum Eisschlecken.

Felix Klopotek

home