POSITIONEN - 148 UNBERECHENBAR (MAG)
Das Unberechenbare zeigt sich dort, wo die Logik der Berechnung an ihre Grenzen stößt: in einer Kunst, die sich der Optimierung verweigert, ebenso wie in den ökologischen und gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Systeme, die unsere Gegenwart neu ordnen. Künstliche Intelligenz wird oft als neutrale Innovation oder unvermeidlicher Fortschritt erzählt, ist jedoch zugleich Ausdruck ökonomischer Interessen und politischer Machtverhältnisse. Ihre materielle Infrastruktur bleibt oft unsichtbar. Das Wärmebild eines KI-Rechenzentrums auf dem Cover macht diese Ressourcen sichtbar. Die Unberechenbarkeit von Kunst eröffnet einen anderen Blick auf diese Entwicklungen. Sie fragt nicht nur, was KI kann, sondern was sie verändert - und ob und wie wir mit ihr leben wollen. Denn KI greift zunehmend in Kunst und Musik ein: als Werkzeug, Gegenüber, Herausforderung oder etwas, dessen Einsatz Künstler*innen bewusst verweigern. Für diese Ausgabe versammelt Irene Lehmann Stimmen zu einem Phänomen, das sich verändert, während wir es beschreiben. Ken Ueno untersucht das Spannungsfeld zwischen Konvention und Originalität, das Patrick Schimanski mit Blick auf Urheberschaft und Autonomie weiterführt. In Gesprächen mit Dahlia Borsche, Miriam Akkermann und Friederike Bernhardt geht es um Musik und KI seit den 1950er Jahren, ein KI-Stipendium und künstlerische Formen zwischen Fernsehen, Humor und KI. Daniel Gianfranceschi, Florian Hecker und Fabian Czolbe erkunden Wege, sich algorithmischen Systemen zu nähern - und ihre Grenzen sichtbar zu machen. Mit dem Special eröffnet Anna Schürmer einen Blick aus der Zukunft. Gemeinsam mit Studierenden des Masters »Musik, Sound, Performance« blickt sie im Futur II auf die Münchner Biennale und fragt, wie ein Musiktheater für alle einmal ausgesehen haben wird. Eine spekulative Erzählung macht KI-Rechenzentren hörbar. Have You Tried Turning It Off and On Again? spielt mit der Banalität des technischen Supports: Ausschalten wird zur Verweigerung, Wiedereinschalten zur Einladung zum Neudenken. KI fordert auch unsere redaktionelle Praxis heraus und verändert die Bedingungen, unter denen Sprache entsteht. Hände gehören zu den ältesten Bildern menschlicher Kreativität. Ab dieser Ausgabe zeigen zwei Hände im Impressum, dass dieses Magazin von der Arbeit vieler Menschen getragen wird. Sie stehen für unser Bekenntnis zu menschlicher Autorschaft und einer redaktionellen Praxis, die der Logik von Effizienz und Automatisierung etwas entgegensetzt. Mit diesem Anspruch stelle ich mich zugleich als neuer Redakteur vor. Als Künstler, Kurator und Autor bewege ich mich in Zwischenräumen: zwischen Disziplinen und Genres, Institutionen und ihren Rändern, ästhetischer Praxis und politischer Aktion. Ich freue mich auf Ihre und Eure Anregungen und Kritik - und lade gemeinsam mit unserer Gastredakteurin ein, dieses Heft als offenen Denkraum zu lesen. Julian Rieken und Irene Lehmann
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